AEM Bibliothek · Perspektiven 03

Warum kommt derselbe Fehler eigentlich wieder?

Eine Beobachtung aus technischen Betrieben über Maßnahmen, Wiederholfehler und Probleme, die scheinbar längst gelöst waren.

Michael Weinreich · AEM Weinreich GmbH · August 2026 · Lesen · 10 Min

Die Reklamation ist abgeschlossen.

Der Fehler wurde analysiert. Die Ursache wurde besprochen. Eine Maßnahme wurde festgelegt.

Vielleicht wurde eine Arbeitsanweisung ergänzt. Vielleicht gab es eine Schulung. Vielleicht wurde im ERP System ein Pflichtfeld eingeführt. Vielleicht wurde eine zusätzliche Prüfung vorgesehen.

Im Maßnahmenplan steht ein Termin. Ein Verantwortlicher ist benannt. Einige Wochen später wird der Punkt geschlossen.

Erledigt.

Drei Monate später passiert etwas Merkwürdiges.

Nicht exakt derselbe Fehler. Aber etwas, das ihm erstaunlich ähnlich sieht.

Wieder fehlt eine Information. Wieder wird eine Änderung zu spät erkannt. Wieder verlässt ein fehlerhaftes Teil den vorgesehenen Weg. Wieder entsteht Nacharbeit.

Wieder sitzen Menschen zusammen und fragen: „Wie kann das sein? Das hatten wir doch schon.“

Eine berechtigte Frage. Vielleicht sollten wir sie nur anders stellen.

Ein Fehler kann verschwinden, ohne dass seine Entstehungsbedingung verschwindet

Nehmen wir einen typischen Fall.

Ein Kunde erhält eine Baugruppe in einer falschen Ausführung.

Die Analyse zeigt: Eine technische Änderung war bekannt, wurde aber nicht rechtzeitig an allen notwendigen Stellen berücksichtigt.

Die Zeichnung war aktuell. In der Fertigung lag jedoch noch eine ältere Information vor.

Die unmittelbare Reaktion ist nachvollziehbar.

Die Dokumentenlenkung wird geprüft. Eine zusätzliche Freigabe wird eingeführt. Die Mitarbeitenden werden informiert. Vielleicht wird festgelegt, dass künftig jede Änderung noch einmal per E-Mail an die betroffenen Bereiche geschickt werden muss.

Das Problem scheint gelöst. Und möglicherweise funktioniert genau diese Maßnahme auch. Bei dieser Änderung. Bei diesem Auftrag. Mit diesen beteiligten Menschen.

Aber die entscheidende Frage lautet: Wurde nur verhindert, dass dieser konkrete Fehler noch einmal auf dieselbe Weise entsteht oder wurde verändert, wie Änderungen grundsätzlich durch den Betrieb laufen?

Das ist nicht dasselbe.

Ein Fehler und seine MaßnahmeHat sich der Betrieb verändert oder nur der Umgang mit diesem einen Fall?FEHLERKETTEMASSNAHMETechnische ÄnderungInformation erreichtnicht alle StellenFalscher Zustand wirdweiterverarbeitetFehler, Nacharbeit,ReklamationZusätzliche InformationSchulungPrüfschrittFall geschlossenOffene Frage: Wurde nur der Fall abgesichert oder die Entstehungsbedingung verändert?
Abbildung 1. Ein Fehler und seine Maßnahme. Die offene Frage liegt hinter dem geschlossenen Maßnahmenpunkt.

Maßnahmen sind sichtbar. Entstehungsbedingungen oft nicht.

Das macht Wiederholfehler so interessant.

Eine Maßnahme lässt sich eintragen. Sie hat einen Verantwortlichen. Sie hat einen Termin. Sie kann erledigt werden.

Die Bedingung, unter der ein Fehler entsteht, ist häufig weniger eindeutig.

Vielleicht treffen zwei Bereiche unterschiedliche Annahmen. Vielleicht ist nicht klar, ab welchem Zustand eine Information verbindlich ist. Vielleicht gibt es mehrere Quellen für dieselbe Information.

Vielleicht weiß jeder einzelne Beteiligte, was er tun soll, aber niemand hat den Übergang zwischen zwei Arbeitsschritten wirklich im Blick.

Vielleicht funktioniert der normale Ablauf und nur eine Änderung bringt das System aus dem Takt.

Oder verschiedene Produkte, Kunden und Aufträge benötigen unterschiedliche Entscheidungen, obwohl der Prozess für alle gleich beschrieben ist.

Das alles kann lange unauffällig bleiben. Bis die passende Kombination zusammenkommt.

Dann erscheint wieder ein Fehler. Nicht unbedingt an derselben Stelle. Aber aus einer ähnlichen betrieblichen Bedingung heraus.

Der zweite Fehler ist deshalb besonders wertvoll

Beim ersten Fehler kann vieles Zufall sein. Ein Missverständnis. Ein ungewöhnlicher Kundenwunsch. Eine seltene Kombination. Ein Bedienfehler.

Beim zweiten ähnlichen Fehler verändert sich die Situation. Denn jetzt gibt es einen Vergleich.

Was war diesmal anders? Und was war erstaunlicherweise gleich?

Vielleicht war ein anderer Mitarbeiter beteiligt. Ein anderes Produkt. Ein anderer Kunde. Eine andere Abteilung. Und trotzdem entstand dieselbe Art von Nacharbeit.

Dann lohnt es sich, nicht länger nur auf die einzelne Person oder den einzelnen Vorgang zu schauen.

Denn vielleicht ist der gemeinsame Nenner etwas anderes. Die Art, wie Informationen übergeben werden. Die Art, wie eine Freigabe entsteht. Die Art, wie Ausnahmen behandelt werden. Oder die Frage, wer eigentlich erkennt, dass ein Vorgang nicht mehr dem Normalfall entspricht.

Zwei verschiedene Fälle, dasselbe MusterWiederholfehler müssen nicht gleich aussehen, um dieselbe betriebliche Ursache zu besitzen.FALL AFALL BKunde Atechnische ÄnderungÜbergabeInformation fehltNacharbeitKunde BSonderfreigabeandere ÜbergabeInformation fehltNacharbeitMögliches gemeinsames Muster: Eine relevante Zustandsänderung erreicht die nächste Stelle nicht zuverlässig.
Abbildung 2. Zwei unterschiedliche Fälle können auf dasselbe Muster hinweisen.

„Mitarbeiter wurde geschult“ ist manchmal eine ungewöhnlich bequeme Maßnahme

Schulungen sind wichtig. Menschen müssen wissen, was von ihnen erwartet wird. Neue Regeln müssen verstanden werden. Technische Veränderungen benötigen Qualifikation.

Problematisch wird die Schulung erst, wenn sie etwas beantworten soll, was gar kein Wissensproblem ist.

Nehmen wir an, eine Mitarbeiterin verwendet eine veraltete Information. Man kann ihr erklären, dass sie künftig auf die aktuelle Version achten muss. Das ist sinnvoll, wenn sie nicht wusste, wo die gültige Version zu finden ist.

Aber was ist, wenn zwei Systeme unterschiedliche Stände anzeigen? Was ist, wenn die Änderung formal freigegeben ist, die Fertigung aber bereits begonnen hat? Was ist, wenn der Mitarbeiter gar nicht erkennen kann, dass sich seit Arbeitsbeginn etwas geändert hat? Oder wenn verschiedene Rollen jeweils davon ausgehen, dass eine andere Stelle die Information weitergibt?

Dann ist „besser aufpassen“ keine besonders starke technische Lösung.

Es verschiebt die Verantwortung an den Menschen. Und möglicherweise funktioniert auch das. Er passt besser auf. Die erfahrene Kollegin schaut noch einmal hin. Der Meister erinnert morgens an die Änderung. Die Qualität prüft zusätzlich.

Der Betrieb wird sicherer. Aber auch aufwendiger. Und wieder kann eine strukturelle Lücke verschwinden, weil Menschen sie zuverlässig auffangen.

Mehr Kontrolle kann einen Fehler reduzieren und gleichzeitig neue Arbeit erzeugen

Das ist eine weitere Schwierigkeit bei Maßnahmen.

Wenn etwas schiefgeht, liegt es nahe, eine zusätzliche Kontrolle einzubauen. Eine zweite Unterschrift. Eine weitere Freigabe. Eine zusätzliche Prüfliste. Ein Pflichtfeld. Eine weitere Besprechung.

Damit sinkt möglicherweise die Wahrscheinlichkeit des ursprünglichen Fehlers. Aber jede zusätzliche Kontrolle benötigt Zeit. Sie braucht Informationen. Jemand muss sie durchführen.

Und häufig entsteht an einer Stelle mehr Sicherheit, während an einer anderen Stelle mehr Abstimmung notwendig wird.

Das bedeutet nicht, dass zusätzliche Prüfungen falsch sind. In vielen technischen Anwendungen sind sie zwingend notwendig.

Aber sie sollten eine Frage beantworten: Welche konkrete Unsicherheit deckt diese Kontrolle ab und warum entsteht diese Unsicherheit überhaupt?

Wenn diese zweite Frage unbeantwortet bleibt, kann sich über Jahre eine Organisation voller Prüfungen entwickeln, ohne dass der Betrieb selbst robuster geworden ist.

Zwei Wege nach einem FehlerBeide Wege können notwendig sein. Sie leisten aber nicht dasselbe.WEG A: FEHLER ABSICHERNWEG B: ENTSTEHUNGSBEDINGUNG VERSTEHENFehlerzusätzliche Kontrollezusätzliche Freigabezusätzliche AufmerksamkeitFehlerwahrscheinlichkeitsinktFehlerStelle des EntstehensbestimmenInformations- undEntscheidungsweg verstehenBedingung verändernFehler kann nicht aufdieselbe Weise entstehenAbsichern reduziert Risiko. Verstehen verändert die Bedingung.
Abbildung 3. Absichern und Verstehen sind zwei unterschiedliche Leistungen nach einem Fehler.

Stellen Sie nach einer Maßnahme eine zweite Frage

Viele Maßnahmenpläne enden sinngemäß mit: Was tun wir, damit dieser Fehler nicht wieder passiert?

Ich würde eine zweite Frage ergänzen:

Was müsste im Betrieb weiterhin gleich bleiben, damit ein ähnlicher Fehler trotzdem wieder entstehen kann?

Diese Frage ist ungewohnt. Aber genau deshalb kann sie hilfreich sein.

Nehmen wir wieder unsere technische Änderung. Die Maßnahme lautet: Jede freigegebene Änderung wird künftig zusätzlich per E-Mail an Fertigung und Einkauf geschickt.

Dann wäre die zweite Frage: Was müsste gleich bleiben, damit trotzdem wieder eine relevante Änderung nicht berücksichtigt wird?

Vielleicht: Die Empfängerliste muss vollständig sein. Die E-Mail muss gelesen werden. Der Empfänger muss erkennen, welche laufenden Aufträge betroffen sind. Er muss wissen, ob bereits Material bestellt wurde. Die Fertigung muss wissen, ab welchem Auftrag die Änderung gilt. Und bei Abwesenheit muss jemand anderes reagieren.

Plötzlich wird sichtbar: Die Maßnahme „E-Mail senden“ löst nur einen kleinen Ausschnitt. Das kann völlig ausreichend sein. Aber jetzt wissen wir wenigstens, welchen Ausschnitt.

Der geschlossene Maßnahmenpunkt ist deshalb nicht das Ende

Vielleicht wäre ein hilfreicher Unterschied: Maßnahme umgesetzt und Wirkung im Betrieb nachgewiesen.

Das erste lässt sich relativ einfach feststellen. Die neue Arbeitsanweisung existiert. Das Pflichtfeld wurde programmiert. Die Schulung hat stattgefunden. Die Prüfliste wurde ergänzt.

Das zweite benötigt eine andere Beobachtung.

Was geschieht im realen Betrieb? Entsteht die fragliche Rückfrage noch? Muss jemand weiterhin manuell nachsteuern? Kommt die Information jetzt tatsächlich rechtzeitig an? Können Menschen im nächsten Ausnahmefall selbst erkennen, was zu tun ist?

Und ganz entscheidend: Ist die zusätzliche Absicherung noch notwendig oder trägt der Betrieb die Situation inzwischen selbst?

Das sind andere Fragen als „Maßnahme abgeschlossen, ja oder nein“.

Nicht: Warum hat unsere Maßnahme nicht funktioniert? Sondern: Was hat der Betrieb nach unserer Maßnahme weiterhin so gemacht wie vorher?

Machen Sie den Wiederholungstest

Nehmen Sie drei Fehler oder Reklamationen aus den vergangenen zwölf Monaten.

Nicht unbedingt die teuersten. Interessanter sind oft Fälle, bei denen Sie spontan sagen: „So etwas hatten wir doch schon einmal.“

Schreiben Sie bei jedem Fall vier Dinge auf.

Der Wiederholungstest

1. Was war der sichtbare Fehler?
Zum Beispiel: falsches Teil, Terminverzug, fehlende Freigabe, Nacharbeit, falsche Information, Reklamation.

2. Welche Maßnahme wurde damals umgesetzt?
Schulung? Prüfung? Prozessänderung? Systemanpassung? Zusätzliche Freigabe?

3. Was musste ein Mensch danach weiterhin zusätzlich tun?
Musste jemand erinnern? Nachfragen? Listen pflegen? Informationen übertragen? Freigaben nachverfolgen? Sonderfälle beurteilen?

4. Welche Bedingung war beim nächsten ähnlichen Fehler wieder vorhanden?
Genau hier wird es interessant. Vielleicht entdecken Sie nicht drei verschiedene Probleme. Vielleicht entdecken Sie ein wiederkehrendes Muster.

Nicht jeder Wiederholfehler ist ein Systemfehler

Auch diese Grenze ist wichtig.

Menschen machen Fehler. Maschinen fallen aus. Material kann mangelhaft sein. Ein Kunde kann etwas Unvorhersehbares ändern. Und auch ein sehr gut gestalteter Betrieb wird niemals frei von Abweichungen sein.

Die Erwartung eines fehlerfreien Unternehmens wäre unrealistisch. Darum geht es nicht.

Interessant wird ein Fehler dort, wo der Betrieb dieselbe Art von Unsicherheit wiederholt hervorbringt.

Dann sollte die Frage nicht ausschließlich lauten: Wer hat diesmal einen Fehler gemacht?

Sondern: Warum konnte unser Betrieb diesen Fehler erneut erzeugen?

Das ist keine Entlastung von Verantwortung. Es ist eine Erweiterung der Betrachtung.

Qualität beginnt möglicherweise einen Schritt vor dem Fehler

Qualitätsarbeit beschäftigt sich zu Recht intensiv mit Abweichungen.

Doch vielleicht liegt eine besonders interessante Information nicht erst im Fehler selbst. Sondern dort, wo Menschen anfangen müssen, zusätzlich aufzupassen, nachzufragen und abzusichern.

Denn häufig wissen erfahrene Mitarbeitende sehr genau, wo es kritisch werden kann.

Sie sagen Dinge wie: „Da schaue ich immer noch einmal nach.“ „Bei diesem Kunden rufe ich lieber vorher an.“ „Wenn die Änderung von dort kommt, frage ich in der Fertigung zusätzlich nach.“ „Das Feld im System reicht mir nicht, ich führe deshalb meine eigene Liste.“

Solche Aussagen kann man als Improvisation betrachten. Man kann sie aber auch als wertvolle Hinweise lesen.

Sie zeigen Stellen, an denen Menschen bereits gelernt haben, dass der vorgesehene Ablauf allein nicht genügt.

Genau dort kann sich eine Ursache verstecken, lange bevor eine Reklamation entsteht.

Zurück zu unserer Reklamation

Die technische Änderung wurde nicht rechtzeitig berücksichtigt. Wir haben eine Maßnahme beschlossen. Die Mitarbeiter wurden informiert. Der Fall ist geschlossen.

Vielleicht ist damit tatsächlich alles erledigt. Das wäre gut.

Vielleicht hat der Betrieb aber nur gelernt, genau diesen bekannten Fehler besser abzufangen.

Dann wird der nächste Fall anders aussehen. Eine andere Änderung. Ein anderer Kunde. Eine andere Übergabe. Ein anderer Mitarbeiter.

Und trotzdem werden wir irgendwann wieder sagen: „Das hatten wir doch schon.“

Spätestens dann lohnt sich eine andere Betrachtung.

Nicht nur: Welche Maßnahme fehlt uns noch?

Sondern:

Welche Bedingung in unserem Betrieb sorgt eigentlich dafür, dass wir diese Art von Fehler immer wieder erzeugen können?

Denn ein Fehler, der nicht mehr auftritt, ist gut. Ein Betrieb, der verstanden hat, warum er ihn erzeugen konnte, ist etwas anderes.